F42.0 vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang

„Been there, done that.“

Seit ich mich erinnern kann, denke ich zwanghaft in Zeiträumen. Ich erinnere mich und andere regelmäßig daran, wie lange ich schon lebe, wie lange ich bestimmte Dinge tue, was wann warum passiert ist, am liebsten mit der genauen Angabe von Jahreszahlen. Das scheint mir Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Wenn ich genau weiß, wann etwas passiert ist, muss es ja wahr sein. Vor allem, weil sich kaum jemand anderes daran erinnern kann. Meine Freunde haben andere Sorgen.

Dabei definiere ich mich über meinen großen Erfahrungsschatz: Wenn ich auch sonst nichts in den Händen, im Portemonnaie oder im Portfolio habe, habe ich wenigstens viele Jahre auf dem Buckel. Jahre, in denen ich so viele Erfahrungen gemacht habe, dass mich nichts mehr aus der Bahn werfen kann. Und das war schon vor der Geburt so: Ungefähr um den Tag herum, als ich gezeugt wurde, wurde Sharon Tate ermordet. Und natürlich schlüpfte der Geist ihres toten Kindes in den Bauch meiner Mutter. Mit dieser „Erfahrung“ konnte ich meine schlechte Laune die ganze Kindheit hindurch rechtfertigen. Kein Wunder bin ich scheiße drauf. Was ich schon alles durchmachen musste!

Und so lassen sich auch andere Diskussionen im Keim ersticken: Du findest mich kindisch? Du hättest mich mal als Säugling erleben sollen. Oder: Du hast die Band vor 10 Jahren gesehen? Da waren sie mir schon zu lamestream. Oder: Du machst Yoga? In den 90ern fand ich das auch mal gut. Dabei vergeht Zeit nicht nur, sie wird geradezu angehäuft, wie ein Goldschatz gehütet und bei Bedarf auf den Tisch geworfen, „mein Auto, meine Frau, meine Yacht“, meine fetten Jahresringe. Der Nerd in mir schleudert bedeutungslose Jahreszahlen und fabulierte Zusammenhänge in den Raum, weil es das einzige ist, was er schleudern kann. Scheiß auf jung sein, ich habe die Sechziger noch erlebt (zumindest als traumatisierter Zellklumpen). Und wenn man die vielen Leben davor mitzählt, sogar Atlantis! Was lange währt, wird irgendwann mal gut (oder total langweilig).

Bei allen Definitionsversuchen weiß ich natürlich, dass Zeit und mein großartiger Erfahrungsschatz eine Illusion sind. Dass ich mein eigener zwanghafter Zeitzeuge bin, um mich selbst als konstantes Individuum zu konstruieren und in der Erinnerung durchgängige und zusammenhängende Themen zu finden oder zu fantasieren, die es mir leichter machen, aus dem Damals das Heute zu rekonstruieren. Ich, die linear erzählte Geschichten „voll spießig und boring“ findet, werde nicht müde, meine eigene Lebensgeschichte an Jahreszahlen aufzuhängen und wie ein gebücktes Mütterchen am Kaminfeuer das Märchen meiner Jugend feilzubieten. Als würde das meine Existenz an eben diesem Kaminfeuer rechtfertigen.

Und wenn mein Herz das nächste Mal gewogen und für zu schwer befunden wird, werde ich erwidern: Wiedergeburt? Ach nö. Been there. Done that. Und darauf hoffen, dass Osiris die alte buckelige Seele endlich in Rente schickt.

F41.1 generalisierte Angststörung

Es gibt Tage, da stehe ich morgens auf und fühle sie. Die Angst. Sie ist wie eine alte gute Bekannte, nicht vergessen, nur verdrängt, ein verdächtig vertrautes Gefühl, das von innen (wo auch immer „innen“ im Körper ist) nach außen wandert, durch Knochen, Venen, Sehnen, Muskeln, bis sie sich in langen, roten Kratzern auf der Haut zeigt.

Die frei flottierende Angst flottiert durch den Körper auf der Suche nach Andockmöglichkeiten. Will sie sich im Bauch einnisten, beliebtes Kompensationsorgan für alle widrigen Lebensumstände? Oder lieber im standhaften Rücken, der auf Schmerzen mit noch mehr Standhaftigkeit reagiert, bis er sich in weinerlichen Wellen windet? Manchmal brummt sie auch einfach nur dumpf im Kopf herum und schickt sehnsüchtig hypochondrische Gedanken in Richtung Wurzelentzündung, Tumor, Bore- oder Burnout.

Während sich im Körper zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten auftun, sucht der Verstand nach Erklärungen. Geht es um existenzielle Ängste (Tod, Krankheit, Einsamkeit), moderne Ängste (Alter, Geld, Gewicht, warum macht mein Rechner dieses Geräusch?) oder (para)psychologische Ängste (Geister, Götter, Dämonen, diese komische Erscheinung im Augenwinkel) – oder sind es mal wieder nur die Hormone?

Dabei stellt sich für mich die immer gleiche Frage: Was war zuerst da, Ei oder Huhn? Vielleicht interpretiere ich ein körperliches Gefühl nachträglich auf äußere Umstände um, weil ich alles in und um mich herum zwanghaft deuten muss. Oder entsteht die Angst im Gegensatz dazu als Reaktion auf die Umstände? Oder gar aus Empathie heraus, infiziert von den Ängsten um mich herum? Ist es nicht normal, sich vor „Altersarmut“, „Hautkrebs“ oder „Umweltverschmutzung“ zu fürchten, wenn viele andere das auch tun?

Merkwürdigerweise machen mich solche Gedankenketten nicht entspannter oder optimistischer, was die Zukunft oder den Rest des Tages angeht. Und merkwürdigerweise beginnt solch ein Tag auch gerne mit der passenden Tarotkarte. Die Angst fährt mir in die Hand und lässt mich zielsicher an der Sonne und den 9 Kelchen vorbei zu den 10 Schwertern greifen, der Karte, die mehr als alle anderen Karten zeigt: Die Gedanken sind nicht frei. Sie sind ein verfluchtes Gefängnis.

Und dann passiert etwas noch Merkwürdigeres. Anstatt eine neue Karte zu ziehen, oder das Positive für mich herauszuziehen, wie es meine NLP-erprobten Freunde tun würden, Reframing, Mädchen, Reframing!, springe ich in die Angst hinein, rein in den Strudel aller schlimmen Dinge, die passieren könnten, jemand Geliebtes könnte sterben, ich könnte meine Haare oder meinen Verstand verlieren, die Welt könnte auseinander brechen und uns alle ins gott- und sauerstofflose All erbrechen. Ich stürze mich mit meinen frei flottierenden Ängsten in die furchterregendsten, frei flottierenden Horrorvorstellungen, die ich mir vorstellen kann, in ein wild assoziiertes Chaos von Schmerzen, Krieg, Hölle, Hass und Langeweile und lande beim Tod. Stopp. Ende Gelände. Sie betreten das Nichts.

Tod, Urgrund meiner Ängste.

Gerade dann, wenn mein Kopf ganz tief im Arsch des Grübelzwangs (F42.0) steckt, kommt dieser Song zurück: „The only thing to fear is fear itself.“ Roosevelt und Coil waren schlaue Männer. Die 10 Schwerter verschwinden im Kartenstapel. Ich kann die Augen wieder öffnen. Ich kann ihn anschauen. Er schaut zurück mit seinen großen braunen entzündeten Augen, er reibt seine trockene Schnauze an meinem Bein und schüttelt die langen verfilzten Ohren.

Der Tod ist ein Cockerspaniel. Mehr muss ich dazu nicht wissen.

F40.8 sonstige phobische Störungen: Wassermangelphobie

Als ich neulich morgens im Badezimmer stand und den Wasserhahn aufdrehte, passierte nichts. Das Waschbecken blieb trocken. Das Wasser war abgestellt. Für einen Moment war ich wie gelähmt. Die Rituale, die mich morgens wach werden lassen, jäh unterbrochen. So darf der Tag nicht anfangen. Wiederholte Versuche an verschiedenen Wasserhähnen bestätigten meine schlimmsten Befürchtungen: kein Wasser im ganzen Haus. Kein Wasser auf der ganzen Insel. Kein Wasser weit und breit. Das Ende der Welt!

Wie um die äußere Trockenheit auszugleichen, reagierte mein Körper mit einem Schweißausbruch. Ausgerechnet jetzt, wo ich doch jeden Tropfen brauchen und darüber hinaus nicht duschen konnte. Der Gefährte hingegen reagierte schlaftrunken bis gar nicht. Später nannte er mich hysterisch. Er hatte nicht ganz unrecht: In der Küche standen mehrere Kanister Trinkwasser. Die durfte man aber nicht für lebensnotwendige Dinge wie Duschen oder Klospülen verwenden. Ich brach zusammen. Er fuhr mit mir ans Meer.

Warum ich eine Angst vor Wasserknappheit habe, ist mir schleierhaft. Geboren und aufgewachsen in den 70ern müsste ich eher Angst vor Knappheit an Visionen, Ehrlichkeit oder gutem LSD zeigen, aber nein: Ich brauche die Gewissheit, permanent Zugang zu ausreichend Wasser in meiner näheren Umgebung zu haben. Fisch muss schwimmen. Ich scheinbar auch.

Mit der unterschwelligen Angst, dürsten zu müssen, lebe ich jeden Tag: Ich kann nicht einschlafen, wenn nicht ein Glas Wasser neben mir steht – auch wenn ich, wie Freunde immer wieder bemerken, eher nippe als trinke („Fliegenschluck“). Wenn die Hausverwaltung ankündigt, dass das Wasser am nächsten Tag für ein paar Stunden abgestellt wird, fülle ich am Abend zuvor wie gestört Flaschen, Gießkannen und Teekannen. Was auch immer passiert, ich bin zumindest für die nächsten Stunden Dürre bestens ausgerüstet.

Denn man kann ja nie wissen. Vielleicht bricht auf einmal die Wasserversorgung zusammen. Bakterien vergiften das Grundwasser, Aliens klauen es für ihren Planeten, ein Flugzeug fliegt in die nächste Wasserleitung. Vielleicht bricht der große Wasserkrieg nicht in Afrika, sondern hier aus, in einem Land, das scheinbar so überhaupt nicht an Wasserknappheit leidet. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur Angst, dass mein Gehirn zwischen zwei Gedanken austrocknet. Soll ja schon vorgekommen sein.

Möglicherweise ist es auch das angesammelte Angstgedächtnis der Nach- und Zwischenkriegsgenerationen vor mir, das osmotisch durch meine Zellen und mich in die Phobie treibt. Denn einerseits weiß ich als gute Deutsche sehr wohl, dass man beim Zähneputzen den Wasserhahn zudreht, andererseits muss ich als gute Deutsche auch jederzeit die Klospülung betätigen und mir den Geruch aus den Achseln spülen können. Die scheinbar selbstverständlichen Annehmlichkeiten der Ersten Welt werden erst dann bewusst, wenn sie auf einmal nicht mehr so selbstverständlich sind. Wenn ein kleines Loch im Kleid unserer zivilisatorischen Errungenschaften entstanden ist. Ein winzigkleines Loch, das zum Flächenbrand ausarten könnte.

Sobald sich das Loch in irgendeiner Form vor mir auftut, merke ich, wie abhängig ich bin. Auch wenn es mehr eine psychische Dürre ist, die ich fürchte, als eine wirkliche Bedrohung, bäumt sich die Phobie in ihrer ganzen Größe vor mir auf: Angst vor Kontroll- und Existenzverlust. Angst davor, zu verdursten, zu vertrocknen, zu Staub zu verfallen, vom Winde verweht zu werden. Spurlos zu verschwinden. Ein Staubkorn in der Wüste. Vergessen, versunken, nie dagewesen.

Und damit mich niemand einer negativen Verstärkung bezichtigen kann, begegne ich dieser embryonalen Urangst am liebsten in untrinkbarem Salzwasser: Wenn ich im Meer schaukele und nicht mehr merke, wo das äußere Salzwasser aufhört und das innere anfängt, wo meine Haut nur noch Illusion ist, bin ich glücklich. Ein Foetus, der die Sonne sieht, ein Tropfen unter Tropfen. Kein Problem, solange am Strand mindestens eine Flasche Wasser wartet.

Das Foto ist von Mac, der Arsch von mir.

F60.31 Borderline Persönlichkeit(sstörung) Teil 2: Borderlining in Berlin

Als ich nach Berlin zog, gab’s die Mauer noch. Symbolisch war sie schon gefallen, aber physisch existierte sie noch, und wir wanderten in diesem Frühling und Sommer, bevor die Mauerspechte zu Geiern wurden und die DDR die gute bundesdeutsche Mark bekam, den Grenzstreifen hoch und runter. The Death Zone, wie meine amerikanischen Freunde zu sagen pflegten. Es war aufregend.

Ich hatte einen Hund, der damals schon ein bisschen neurotisch war (bei Hunden nennt man das „Charakter“) und er liebte es, den Mauerstreifen zu markieren und Grenzbeamte zu verbellen. Da war auf einmal so viel mehr Grün in dem nicht ungrünen Berlin und wir hofften, dass daraus ein Park wurde. Stattdessen wurde Berlin eine Baustelle. Die Borderline verschwand zunehmend, zumindest im Straßenbild der Innenstadtbezirke, und Berlin wurde immer normaler.

Da ich in derselben Geschwindigkeit immer älter wurde und die Jüngeren und Nachgezogenen nicht mit Früher-war-alles-tausendmal-cooler-Anekdoten nerven wollte (früher war immer alles cooler, fragt mal Alexander den Großen), machte ich die üblichen Entwicklungen mit und wurde nach außen hin auch „normaler“. Was nicht heißt, dass ich die Grenzen nicht weiter suchte. Borderline kann eine „Störung von Krankheitswert“ sein. Borderlining kann aber auch zu einer kreativen Überlebensstrategie umdefiniert werden.

Angesiedelt ist die Borderline-Diagnose im Grenzgebiet zwischen Psychose und Neurose. Da ist das Leben ja bekanntlich besonders intensiv. Ohne den individuellen Leidensdruck von diagnostizierten Borderlinern ignorieren zu wollen, betrachte ich das Phänomen am liebsten im soziokulturellen Kontext des Grenzgängers. „Ick bin aan Borderliner“ funktioniert überall.

So lernte ich in den Jahren nach Mauerfall aufgrund einiger unerfreulicher Grenzerfahrungen, wie ich mir mit pseudopsychotischen Sinnestäuschungen, dissoziativen Dämmerzuständen und Teilamnesien die Welt machen konnte, widdewidde wie sie mir gefällt. Ich glaube nicht, dass die Diagnose F60.31 Borderline-Typus jemals in meinen medizinischen Akten aufgetaucht ist, aber wer weiß das schon. Vielleicht habe ich ja sogar eine Stasi-Akte, weil einer meiner 542 Persönlichkeiten ihr Unwesen „drüben“ getrieben hat. Das wäre dann Borderlining auf der Astralebene.

Am liebsten würde ich die emotional instabile Persönlichkeitsstörung in emotional flexible Persönlichkeit umbenennen. Denn Grenzen sollten immer, nicht nur in der kindlichen Trotzphase und der Pubertät ausgelotet werden. Schließlich endet das Leben nicht mit einer Grenze, es ist eine Grenze. Und diese Grenzerfahrung kann mit jedem Atemzug gemacht werden. Borderlining für Fortgeschrittene.

Die folgenden Fotos habe ich analog und mit Original ORWO-Film im Sommer 1990 im/am Mauerstreifen in der Nähe von Checkpoint Charlie gemacht. Heute erinnern noch die letzten Baustellen daran, wie grün/grau es hier mal war.


F60.31 Borderline Persönlichkeit(sstörung) Teil 1: Voll kein Check, Mann?

sssssstörung: Was geht auf dem Planeten Borderline? Während die Zwangtexterin in mir die beiden ss in (sstörung) mag, verachten meine anderen 238 Persönlichkeiten die Diagnose „Borderline“. Was soll das sein?

Laut ICD-10 ist die Borderline-Persönlichkeit eine Unterstörung der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (F60.3). Die folgende Liste generiert sich aus den von der ICD-10 und ihrem US-amerikanischen Pendant DSM-IV vorgeschlagenen Kriterien für diese beiden Typen. Dabei müssen mindestens 5 dieser Kriterien erfüllt werden. Machen auch Sie das Kreuzchen, wo Sie sich ertappt fühlen:

1. Unfähigkeit, impulsives Verhalten zu kontrollieren: Check (wenn’s um Salat, Musik und Buchkäufe geht).

2. Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und inneren Präferenzen (einschließlich sexueller): Sowas von Check.

3. Anhaltende Gefühle innerer Leere: In der Leere gibt es keinen Check-Button, in der Leere existiert NICHTS.

4. Neigung, sich auf intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen: Halbes Check. Meine Beziehungen sind intensiv, aber meist chronisch.

5. Wiederholt Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung: Das war damals. In der Pubertät.

6. Ausbrüche von Wut und Gewalt: Kein Check. Das lebe ich alles in der Fantasie aus. Da allerdings sehr gerne.

7. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden: Nö. Wenn ich was kann, dann warten und mir was vormachen. Steinbock-Aszendent sticht Widder-Sonne.

8. Unbeständige und launische Stimmung: Die habe ich meistens outgesourced.

9. Übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden: Nur an vier Tagen im Monat. Die vier Tage, an denen ich bei 8. das Kreuz machen müsste.

Und die DSM-IV legt noch eins drauf:
10. Vorübergehende paranoide Vorstellungen, dissoziative Symptome und magisches Denken: Hell, yeah! Komplett Check.

Wenn ich alles zusammenzähle, komme ich auf ungefähr 5 Kreuze. Bin ich deshalb Borderlinerin? In Borderliner steckt Berliner, falls das noch niemandem aufgefallen ist, und da hören die Parallelen auch schon auf.

Ich habe keinen „behandlungsbedürftigen Leidensdruck“, nur weil ich weiß, dass die Welt leer und trostlos ist, wenn ich mir nicht meine Götter hinein fantasiere. Ich bin nicht mehr unglücklich, nur weil ich nicht kapiere, wer oder was ich bin und wo ich hin will. Sobald ich das weiß, werde ich wohl mit dem Sensenwesen ein letztes Tänzchen tanzen dürfen. Bis dahin wird weiter gebordert.

Und weil sich das lustige Lebenskarussel immer weiterdreht, geht’s nächste Woche weiter mit „Borderlining in Berlin“.

F15.0 akute Intoxikation durch andere Stimulanzien (einschließlich Koffein)

Bei vielen Sachen bin ich ein harter Knochen. In kaltem Thermalwasser mit Omis um die Wette schwimmen, Berge hoch rennen in mediterraner Mittagshitze, Berge von Rohkost in mich reinstopfen – geht alles. Hauptsache, die Endorphine sprudeln. Was nicht geht: mehr als eine Tasse Kaffee täglich. Ich weiß: ich Weichei. Und die Tasse Kaffee geht noch nicht mal täglich. Oft wache ich morgens schon so nervös auf, dass ich den Kaffee gleich überspringen kann.

Obwohl ich das weiß, übertreibe ich manchmal trotzdem. Wenn ich mit Kaffeeprofis abhänge und denke, das kann ich auch. Peer Pressure. Oder ich habe vergessen, dass ich die eine Tasse schon hatte. Oder ich denke, pfffff, wat soll’s, her mit dem braunen Zeugs.

Ja, pffff, wat soll’s. Eine Überdosis Kaffee und ich kriege einen manischen Schub (F30.0) und fange an, innerlich Pirouetten zu drehen. Beine, Arme und Augenlider zucken unkontrolliert, die Finger trommeln. Die körperlichen Symptome verschwinden schnell wieder, ich bin ja keine Lusche (siehe oben). Viel schlimmer ist meine latente Tendenz, mit ADHS (F90.0) zu flirten.

Normalerweise neige ich nicht zu Aufmerksamkeitsstörungen. Ich kann mich stundenlang auf etwas konzentrieren (Gott, langhaarige Männer an Kreuzen, Hundebabys). Ich kann mich manchmal so gut konzentrieren, dass ich fast am atypischen Autismus entlang schramme (F84.10), natürlich ohne wirklich autistisch zu sein. Die zweischneidige Gabe der überzogenen Empathie feuert permanent in den Zellen, ob ich will oder nicht.

Was viel nerviger ist, und das zeigt sich sogar schon in diesem Text und ganz ohne Einfluss von Kaffee, ist die fehlende Struktur und Dynamik meines Denkens. Auf Kaffee wird das Leben ein langer, wilder Fluss, ohne Anfang und Ende. Und das ist für mich als reformierte Apokalyptikerin eine fürchterliche Vorstellung. Ich springe von Thema zu Thema (wie jetzt!), Gedanken verlaufen sich in Sackgassen und toten Winkeln, Ideen flüchten in Parallelwelten, aus denen ich sie nicht mehr zurückholen kann.

Zu viel Kaffee macht mich zum Möchtegern-Multitasking-Monster, zum kleinen Kind, das doppelt so schnell spricht, um die Erwachsenen nicht zu langweilen. Und weil wir schon beim feinen Unterschied zwischen Logorrhoe und Diarrhoe sind: Kaffee funktioniert am besten mit Milch und Kuchen und Kaffeetantengespräche über Krankheiten. Kaffee ist eine Einstiegsdroge, der erste Schritt in die böse Welt von Koks, Khat, Ketamin, Krack, Krystal, Kapitalismus, Korruption und Kaos.

Da rauche ich doch lieber Kamillentee.