„Been there, done that.“
Seit ich mich erinnern kann, denke ich zwanghaft in Zeiträumen. Ich erinnere mich und andere regelmäßig daran, wie lange ich schon lebe, wie lange ich bestimmte Dinge tue, was wann warum passiert ist, am liebsten mit der genauen Angabe von Jahreszahlen. Das scheint mir Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Wenn ich genau weiß, wann etwas passiert ist, muss es ja wahr sein. Vor allem, weil sich kaum jemand anderes daran erinnern kann. Meine Freunde haben andere Sorgen.
Dabei definiere ich mich über meinen großen Erfahrungsschatz: Wenn ich auch sonst nichts in den Händen, im Portemonnaie oder im Portfolio habe, habe ich wenigstens viele Jahre auf dem Buckel. Jahre, in denen ich so viele Erfahrungen gemacht habe, dass mich nichts mehr aus der Bahn werfen kann. Und das war schon vor der Geburt so: Ungefähr um den Tag herum, als ich gezeugt wurde, wurde Sharon Tate ermordet. Und natürlich schlüpfte der Geist ihres toten Kindes in den Bauch meiner Mutter. Mit dieser „Erfahrung“ konnte ich meine schlechte Laune die ganze Kindheit hindurch rechtfertigen. Kein Wunder bin ich scheiße drauf. Was ich schon alles durchmachen musste!
Und so lassen sich auch andere Diskussionen im Keim ersticken: Du findest mich kindisch? Du hättest mich mal als Säugling erleben sollen. Oder: Du hast die Band vor 10 Jahren gesehen? Da waren sie mir schon zu lamestream. Oder: Du machst Yoga? In den 90ern fand ich das auch mal gut. Dabei vergeht Zeit nicht nur, sie wird geradezu angehäuft, wie ein Goldschatz gehütet und bei Bedarf auf den Tisch geworfen, „mein Auto, meine Frau, meine Yacht“, meine fetten Jahresringe. Der Nerd in mir schleudert bedeutungslose Jahreszahlen und fabulierte Zusammenhänge in den Raum, weil es das einzige ist, was er schleudern kann. Scheiß auf jung sein, ich habe die Sechziger noch erlebt (zumindest als traumatisierter Zellklumpen). Und wenn man die vielen Leben davor mitzählt, sogar Atlantis! Was lange währt, wird irgendwann mal gut (oder total langweilig).
Bei allen Definitionsversuchen weiß ich natürlich, dass Zeit und mein großartiger Erfahrungsschatz eine Illusion sind. Dass ich mein eigener zwanghafter Zeitzeuge bin, um mich selbst als konstantes Individuum zu konstruieren und in der Erinnerung durchgängige und zusammenhängende Themen zu finden oder zu fantasieren, die es mir leichter machen, aus dem Damals das Heute zu rekonstruieren. Ich, die linear erzählte Geschichten „voll spießig und boring“ findet, werde nicht müde, meine eigene Lebensgeschichte an Jahreszahlen aufzuhängen und wie ein gebücktes Mütterchen am Kaminfeuer das Märchen meiner Jugend feilzubieten. Als würde das meine Existenz an eben diesem Kaminfeuer rechtfertigen.
Und wenn mein Herz das nächste Mal gewogen und für zu schwer befunden wird, werde ich erwidern: Wiedergeburt? Ach nö. Been there. Done that. Und darauf hoffen, dass Osiris die alte buckelige Seele endlich in Rente schickt.







